
Die Mauer in Deutschland war schon löchrig geworden, doch oben auf dem Brocken war alles noch dicht. Da zogen sie am 3. Dezember 1989 auch von Wernigerode und Ilsenburg herauf, sangen und redeten sich Mut zu und wackelten am Brockenzaun. “Freier Brocken – Freie Bürger”: Das war ihr Wahlspruch. Gegen 13.00 Uhr kapitulierten die Organe. Eine unübersehbare Menge ergoß sich auf das Brockenplateau, die Menschen lagen sich in den Armen, weinten, tanzten, hüpften umher. Das ist die Geschichte.
Der Gipfel – jenseits von Ost und West
Einer von ihnen war Hansjörg Hörseljau, Fotograf aus Clausthal-Zellerfeld. Er hatte ordnungsgemäß einen Grenzübergang passiert, glücklich, noch einen gültigen Mehrfachberechtigungsschein zu besitzen. Denn die Reisefreiheit auch für Westdeutsche gab es erst zum Weihnachtsfest 1989. Hörseljau ließ sich treiben im Strom der Gefühle. Und fotografierte. Das war der Beginn eines außergewöhnlichen und in Deutschland einzigartigen Fotoprojekts. Der Fotograf aus dem Harz hat in all den Jahren seitdem die entscheidenden Stationen der Brockengeschichte mit seiner Kamera in faszinierenden Bildern festgehalten. Die Grenze? Weg! Zum Glück gibt es die Bilder. Guck sie dir an. Aufklärer im Drillich der Grenztruppen hinter Feldstechern. Und da auf der anderen Seite, das sind wir – beim Sonntagsausflug nach dem Kaffee. So war das. Wir hatten uns an die Grenze gewöhnt. Die kommt nie mehr weg, dachten wir. Der deutsche Berg hatte sogar eine eigene Mauer, die Mauer hinter der Mauer. Gigantische Stelen bildeten einen Wall rund um die Brockenkuppe. Solche Effekte erzielt heute nur noch Christo, der Verpackungskünstler. Hörseljaus neues Fotobuch enthält für den wahren Brockenfreund wieder viele Überraschungen. Es ist auch für Forscher und Chronisten eine Fundgrube. Das fängt übrigens schon 1975 an, als sich der Fotograf vom Konfirmationsgeld seinen ersten Apparat kauft – eine Quelle Kamera. Das erste Foto, na klar, es war die Brocken-Kuppe. Da gab es noch keine Brocken-Mauer. Ein Steckenpferd von Hansjörg Hörseljau ist es zudem, dass er niemals auf den Brocken allein geschaut hat. Im Kalten Krieg gab es schließlich auch auf westlicher Seite jene Türme, die vor Elektronik und Abhöranlagen starrten. Zum Beispiel auf der Schalke und auf dem Wurmberg. Da ist der Fotograf ganz gerecht: Genüsslich zeigt er uns, wie auch sie alle fallen, ganz langsam, Sequenz für Sequenz. Dieses Buch ist ein Schatz. Wer weiß das heute noch: Am Auslauf der Wumbergschanze verlief die Grenze. Dort fliegen heute Sportler aus aller Welt wieder über 100 Meter weit.
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